
Die erste Idee zu diesem Urlaub liegt drei Jahre zurück. Wir waren damals im Sommerurlaub in Schweden, und auf dem Rückweg haben wir oben an der Spitze Dänemarks noch eine dreitägige Bikepacking-Tour rund um Skagen drangehangen, auch damals schon mit Übernachtungen in Sheltern oder mit dem Tarp direkt in den Dünen. Das hat so gut funktioniert, dass wir uns damals vorgenommen haben, das Ganze irgendwann in größerem Rahmen zu machen. Dieses Jahr hat es gepasst.

Der Plan war eine große Runde: die Westküste hoch, oben rüber auf die Ostseite, über Aalborg, Mariagerfjord und Djursland wieder nach Süden und über Vejen zurück nach Esbjerg. Letztendlich waren wir dann zwölf Tage unterwegs: elf Etappen und ein Ruhetag.
Diese Tour war übrigens auch der Grund, warum ich mir überhaupt mein neues Gravelbike aufgebaut habe. Nicht weil das alte schlecht gewesen wäre, im Gegenteil: Mein jüngster Sohn ist inzwischen groß genug für mein Rose Backroad, und damit brauchte ich selbst ein neues Rad. Mehr zum Aufbau des Fahrrads habe ich in einem eigenen Beitrag geschrieben.
Tag 1: Ankommen und einrollen
Anreise mit dem Auto, Auto in Esbjerg abgestellt, Räder gepackt, losgefahren. Viel mehr war an diesem Tag nicht drin, und das war auch so geplant: 13,2 Kilometer bis nach Marbæk, keine 60 Minuten unterwegs, kaum Höhenmeter.

Geschlafen haben wir auf einem weitläufigen Shelterplatz im Naturgebiet Marbæk, gut zwölf Kilometer nordwestlich von Esbjerg. Das Gebiet gehört zum Nationalpark Wattenmeer und ist als Auftakt kaum zu schlagen: Heide, Seen und die See in ca. zwei Kilometern Entfernung.
Die Westküste hoch
Die nächsten Tage lief es dann so, wie man sich das vorstellt. Immer weiter Richtung Norden, die Nordsee links, die Etappen zwischen 65 und 106 Kilometern.

Erst nach Nørre Lyngvig kurz oberhalb von Hvide Sande (81,8 km), dann der bis dahin längste Tag nach Lodbjerg mit 106,3 Kilometern, weiter nach Vigsø bei Hanstholm (65 km) und schließlich nach Blokhus (79,9 km). Die Temperaturen lagen in dieser ersten Woche zwischen 20 und 26 Grad, also genau richtig zum Radfahren.
Der Wind war eine andere Geschichte. Ich habe im Nachhinein mal die Wetterdaten zu unseren Etappen gezogen, und das Gefühl hat nicht getrogen: An sieben der elf Etappen hatten wir Gegenwind, meistens aus westlicher bis nordwestlicher Richtung. Rückenwind gab es genau zweimal auf der ganzen Tour. An der offenen Nordseeküste merkt man sowas dann auch ziemlich deutlich.

Was man an der Westküste außerdem einkalkulieren sollte: Die Wege verlaufen dort oft direkt hinter den Dünen, und das heißt eben auch massenhaft Sand. Bei Ferring Strand, zwischen Hvide Sande und Lemvig, hatten wir über rund vier Kilometer auf dem Dünenradweg. Mit meinen 45 mm breiten Gravelreifen bin ich da an den meisten Stellen durchgekommen, an ein paar Passagen musste ich aber absteigen und schieben.

Übernachtet haben wir auf dieser ersten Woche durchgehend in Sheltern: am Hafen von Nørre Lyngvig oder in Lodbjerg Fyr direkt am Leuchtturm. Wer in der Ecke unterwegs ist, sollte dort auf jeden Fall Rast machen. Ein sehr schöner Platz, direkt an den Dünen und 500 Meter bis zum Meer. Absolute Empfehlung!
Tag 6: Der Sturz
Auf Höhe von Aalborg ist meine Frau Mareika gestürzt, als sie auf mein Rad auffuhr. Und zwar nicht harmlos: Der Helm war gebrochen, dazu Schürfwunden an der Schulter, blaue Flecken und der Verdacht auf einen Bruch in der Hand. Wir sind dann in die Uniklinik nach Aalborg gefahren und haben dort alles abklären lassen.
Am Ende waren alle Untersuchungen ohne ernsthaften Befund, was eine ziemliche Erleichterung war. Im ersten Moment weiß man das aber eben noch nicht, und ein durchgebrochener Helm ist nichts, was man einfach so abhakt. Das hat uns allen einen ordentlichen Schrecken eingejagt.
Die Etappe haben wir an dem Tag verkürzt, am Ende standen 54 Kilometer dann nur auf der Uhr. Auch den Tag danach sind wir bewusst ruhiger und kürzer gefahren als geplant, weil Mareika Schmerzen im Handgelenk und in der Schulter hatte.
Geschlafen haben wir an dem Abend auf dem Shelterplatz Skiveren am Limfjord südlich von Gandrup, zwei Shelter am Wasser, dazu Toilette und Trinkwasser.
Norup und ein Platz, der uns überrascht hat
Am nächsten Tag ging es von Gandrup runter nach Norup, knapp 67 Kilometer. Norup ist ein kleines Dorf südlich von Hadsund mit etwa 240 Einwohnern, und dort haben wir auf dem Norup Naturlegeplads übernachtet.
Der Platz hat uns wirklich positiv überrascht. Die lokale Kultur- und Sportvereinigung NOKI baut das Gelände seit 2022 auf, laut Infotafel mit rund 1.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden: das alte Klubhaus wurde umgebaut, dazu Naturspielplatz, Fahrradbahnen, Naturpfad und Shelterbereich. Und es gab eine warme Dusche. Nach sechs Tagen unterwegs und einem Tag wie dem davor ist das mehr wert, als es sich anhört 😉
Mariagerfjord, Wetterumschwung und ein Ruhetag am Meer
Die Etappe von Norup rüber nach Havhuse auf Norddjurs war mit 42,4 Kilometern die kürzeste Fahretappe der Tour, wenn man den Anreisetag nicht mitrechnet. Und das war auch gut so, denn an dem Tag kippte das Wetter: Regen, und die Temperatur fiel von den 26 Grad der Vortage auf gerade mal knapp 15 Grad. Dafür hatten wir zum ersten Mal seit Tagen richtig Rückenwind, mit über 26 km/h aus Norden. Das sieht man auch in den Daten: 21,7 km/h Schnitt, der schnellste der ganzen Tour.

Für den Tag darauf hatten wir einen Ruhetag eingeplant, und der Platz dafür hätte kaum besser sein können. Die Shelter am Rygårde Strand liegen direkt am Wasser, man schläft praktisch mit Blick aufs Meer. Zwei Shelter und sehr viel Platz zum Zelten.

Das Wetter blieb zwar durchwachsen, aber wir konnten den Strand am Kattegat trotzdem genießen. Spaziergänge, ich habe einen lockeren Lauf gemacht, abends wurde gegrillt. Dazu ein kurzer Ausflug zum Supermarkt, die einzigen Radkilometer an dem Tag. Ein richtig schöner Ruhetag, der nach dem Sturz zwei Tage vorher auch dringend nötig war.
Die Königsetappe
Der Tag nach dem Ruhetag war dann der längste der ganzen Tour: 119 Kilometer, 993 hm, knapp sechs Stunden Fahrzeit bis nach Horsens.
Fast alle Bestwerte der Reise stammen von diesem Tag: die längste Distanz, die meisten Höhenmeter, mit 1.952 kcal der höchste Verbrauch, mit 50,5 km/h die höchste Spitzengeschwindigkeit und mit 133 bpm auch die höchste Herzfrequenz. Wobei genau dieser letzte Wert zeigt, wie so eine Reise eigentlich einzuordnen ist: Selbst am anstrengendsten Tag lag die maximale Herzfrequenz noch sehr komfortabel im aeroben Grundlagenbereich. Bikepacking ist eben kein Wettkampf.
In Horsens haben wir dann ausnahmsweise nicht im Shelter geschlafen, sondern im Comwell Bygholm Park. Refill mit gemütlichem Essen gehen in Horsens, gemütliche Betten, Dusche und Frühstücksbuffet. Klamotten durchwaschen.

Close the loop – zurück nach Esbjerg
Die letzten beiden Tage brachten uns über Vejen zurück an die Westküste. Erst 84 Kilometer von Horsens bis nach Københoved, wo wir auf dem Shelterplatz an der Frihedsbro übernachtet haben, dann noch einmal 53,8 Kilometer bis Esbjerg.
Beide Tage waren spürbar kühler als die erste Woche, um die 15 bis 18 Grad, dazu wieder ordentlich Wind von vorn. Gerade am letzten Tag hat es sich auf den letzten Kilometern zurück bis Esbjerg noch mal deutlich nach Arbeit angefühlt.
Wie voll sind die Shelterplätze?
Eine Frage, die man sich vorher stellt: Bekommt man überhaupt einen Platz auf den gratis Shelterplätzen? Die Antwort aus unserer Erfahrung: Die Plätze waren zu dieser Jahreszeit fast alle sehr gut besucht. Die Jungs haben allerdings immer einen Platz in einem Shelter gefunden. Genau einmal auf der ganzen Tour hatten wir einen gesamtem Shelterplatz komplett für uns allein. Eine Zelt oder Tarp ist als Backup in der Hochsaison zu empfehlen. Mareika und ich haben vorwiegend im Zelt geschlafen, hauptsächlich weil ma dort auch etwas mehr Privatsphäre hatte.

Genutzt wurden die Plätze von anderen Radfahrer:innen, ein paar Wanderer:inen und Menschen in Kajaks. Auf dem Platz an der Rygårde Strand, wo wir den Ruhetag verbracht haben, kamen zusätzlich einige Einheimische dazu, teilweise auch mit dem Auto. Weil das Gelände dort aber wirklich groß ist, war das überhaupt kein Thema. Ähnlich am Leuchtturm in Lodbjerg: auch viel los, trotzdem sehr entspannt.
Überhaupt ist das Publikum auf solchen Shelter- und einfachen Zeltplätzen ausgesprochen angenehm. Man kommt schnell ins Gespräch, und wir hatten mit dem einen oder der anderen im Lauf der Tour Kontakt. Die Verständigung ist in Dänemark auf Englisch übrigens wirklich kein Problem, egal ob beim Einkaufen oder mit Leuten, denen man unterwegs begegnet. Es spricht praktisch jeder gut Englisch, und freundlich und hilfsbereit waren ausnahmslos alle.
Was das für die Planung heißt: Man sollte nicht davon ausgehen, den Platz für sich zu haben, Sorgen machen muss man sich aber auch nicht. Früh ankommen hilft, und die meisten Plätze haben ohnehin genug Fläche für Zelte daneben.
Westküste oder Ostküste?
Wenn ich nach der Runde eine Empfehlung abgeben müsste, dann fällt die ziemlich eindeutig aus: Die Westküste lohnt sich landschaftlich deutlich mehr als die Ostseite.
Der Westen ist rauer und schlicht schöner. Dünen, offene Küste, Nordsee, und die Radwege verlaufen dort spürbar häufiger abseits von asphaltierten Straßen und näher am Meer. Auf der Ostseite fährt man dagegen mehr auf Asphalt und öfter ein Stück landeinwärts, ohne dass man das Wasser wirklich sieht.

Der Preis dafür sind dann aber auch solche Sandabschnitte wie der bei Ferring Strand und generell mehr Gegenwind. Wer eine kürzere Tour plant oder sich zwischen beiden Küsten entscheiden muss, dem würde ich klar zur Westküste raten.
Die Tour in Zahlen
- 12 Tage, 11 Etappen, 1 Ruhetag
- 781 Kilometer gesamt (davon 767 km auf den Etappen, der Rest war der Weg zum Supermarkt am Ruhetag)
- 3.986 Höhenmeter
- 40:32 Stunden Fahrzeit
- Ø 19,2 km/h
- 14.778 kcal über die gesamte Reise, davon 11.786 kcal auf dem Rad
- Längste Etappe: 119,0 km mit 993 hm
- Kürzeste Etappe: 13,2 km (Anreisetag)
- 10 Nächte im Shelter oder Zelt, 1 Nacht im Hotel
Alle Daten stammen von meiner Garmin Epix und sind über Intervals.icu ausgewertet.
Was ich beim Material anders machen würde
Das Custom Gravelbike hat sich insgesamt gut geschlagen. Nach der Rennsteig-Runde war das jetzt der erste richtige Test mit einem Gepäckträger und etwas mehr Gepäck.
Ich hatte einen älteren Gepäckträger montiert, und die Panniers waren mit dem Reisegepäck für zwei Wochen am Ende doch relativ schwer. Bei jedem gröberen Untergrund hatte ich im Hinterkopf, ob der Carbonrahmen an den Montagepunkten das auf Dauer mitmacht oder ob dort irgendwann etwas ausbricht. Passiert ist nichts, aber ein gutes Gefühl war es die ganze Fahrt über nicht.

Für die nächste Reise mit dieser Menge an Gepäck würde ich deshalb auf ein System setzen, das nicht über die Rahmenösen geht, sondern eher über die Steckachse, also z.B. etwas von Tailfin.
Und ich würde mir einen richtigen Radcomputer ans Bike schrauben. Mit Garminuhr und iPhone war die Navigation doch etwas nervig. Bisher habe ich keinen Radcomputer, da ich seit langer Zeit auf die zweite Iteration des Coros Dura warte (im September soll dieser erscheinen).
Fazit
Am Ende stand ziemlich genau das, was wir uns vor drei Jahren in Skagen vorgenommen hatten, nur eben deutlich länger: 781 Kilometer, zwölf Tage unterwegs und ein Moment des Schreckens, denn wir gerne vermieden hätten.
Dänemark ist für eine solche Tour einfach absolut zu empfehlen: ein dichtes Netz an besten Radwegen, viele Shelter- und Zeltplätze, entspannter Autoverkehr und eine Landschaft, die zwischen Nordseedünen, Fjorden und Hügelland ständig wechselt. Und der Wind ist letztendlich nicht so schlimm!
Wenn ihr mehr zu einzelnen Etappen, zu den Shelterplätzen oder zum Material wissen wollt: Schreibt mir gerne in die Kommentare, auf Social Media oder eine Email.

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