
90 Kilometer. 7.649 Höhenmeter im Aufstieg. Drei Tage Fastpacking auf einer Runde, die eigentlich für eine Woche gedacht ist.
Während sich fast die gesamte Trailrunning-Szene am letzten August Wochenende Richtung Chamonix zum UTMB orientiert, fahren Stephan und ich in die Zillertaler Alpen. Der Berliner Höhenweg, komprimiert auf drei Tage, mit 6 bis 8 Kilo auf dem Rücken und zwei Hüttennächten. Kein Rennen, keine Startnummer, kein Zeitlimit. Nur zwei Dudes, die ein schönes Wochenende in den hochalpinen Bergen haben möchten.

Ganz war das Format für uns nicht: Letztes Jahr sind wir schon einmal ein ähnliches Projekt angegangen, die Transalp von Garmisch nach Meran.
Was der Berliner Höhenweg eigentlich ist
Kurz zur Einordnung, falls die Runde nicht auf dem Schirm ist: Der Berliner Höhenweg ist eine Rundtour durch die Zillertaler Alpen, Start und Ziel im Tal bei Finkenberg beziehungsweise Mayrhofen. Rund 87 Kilometer, etwa 6.586 Höhenmeter im Aufstieg, offiziell auf acht Tagesetappen ausgelegt, Schwierigkeit „Schwer“ (T4), höchster Punkt das Schönbichler Horn mit 3.133 Metern.
Technisch sind die meisten Abschnitte als „schwarz“ klassifiziert: schmale, teils ausgesetzte Steige, drahtseilversicherte Passagen und lange, konditionell fordernde Tagesetappen. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und gute Kondition sind Voraussetzung. Auf manchen Etappen wird sogar Klettersteigerfahrung empfohlen.
Tag 1: Finkenberg → Furtschaglhaus
36,8 km · +3.401 / −1.937 hm · 8:45 h
Die Nacht vorher haben wir schon in Finkenberg übernachtet, damit wir früh los konnten. 6 Uhr Start. Raus aus dem Alltag, und zwar sofort nach den ersten Höhenmetern.

Von 910 Metern im Tal geht es in Kehren durch den Wald hoch zur Gamshütte auf 1.921 Meter. Der Hermann-Hecht-Weg, ein sauberer Einstieg, technisch noch harmlos. Danach kommt der Abschnitt, der den Tag prägte: der lange, einsame Übergang von der Gamshütte zum Friesenberghaus. 15 Kilometer durch die steilen Grasflanken des Vorderen Grinbergs, über die Rifflerrinnen, vorbei am Wesendlekarsee. Viel verblocktes Gelände, dauernde Konzentration auf den nächsten Schritt.
„Wir haben die Erwartung an unsere Durchschnittspace sehr schnell angepasst.“ 😁

Über das Friesenberghaus auf 2.498 Meter ging es weiter zur Olpererhütte, direkt daneben liegt die Kebema-Panoramabrücke, der Instagram-Hotspot der Region, auf der man mit dem richtigen Winkel scheinbar frei über dem Schlegeisspeicher schwebt. Ich hatte vorher einiges darüber gelesen und konnte kaum glauben, dass tatsächlich Leute extra für ein Foto dort hochlaufen. Aber genau so war es: 30 bis 40 Menschen standen an der Brücke und fotografierten sich gegenseitig. Wir sind zügig vorbeigelaufen und haben bewusst kein Foto inszeniert. Danach ging es wieder runter zum Schlegeisspeicher. Am Ende des Stausees, kurz vor dem finalen Uphill zum Etappenziel Furtschaglhaus, lief Tobi auf uns auf: Er war auf dem Streckencheck für den Mayrhofen Ultraks Z101 am darauf folgenden Wochenende. Also zu dritt hoch zum Furtschaglhaus: Tobi in Zone 1, wir in der oberen Zone 3. 😜
Drei offizielle Etappen an einem Tag. Bewusst so geplant: die vielen Höhenmeter, solange die Beine noch frisch sind. Der war Puls im Schnitt 118, Power-Hike rauf, easy im Downhill runter.
Tag 2: Furtschaglhaus → Greizer Hütte
19,4 km · +2.255 / −2.331 hm · 5:07 h
Nach einer guten Nacht im Mehrbettzimmer auf dem Furtschaglhaus sind wir um 8 Uhr gestartet. Tobi wollte seinen entspannten Streckencheck für den Z101 weiter machen, also waren wir an diesem Tag zu dritt unterwegs. Die Strecke war durchaus sehr technisch und anspruchsvoll, und forderte unsere Laufskills durchaus.

Zuerst hoch zur Schönbichler Scharte, dem höchsten Punkt der offiziellen Route, und von dort noch die paar Meter rauf auf das Schönbichler Horn (3.134 m). Der Übergang wurde bereits 1889 als Höhenweg ausgebaut, das ist die alpine Königsetappe der ganzen Runde.

Danach folgte der epische Downhill zur prächtigen Berliner Hütte (Baujahr 1879) und heute unter Denkmalschutz. Nach einem Getränk ging es hoch zur Mörchenscharte auf 2.872 Meter, wieder mit einigen seilversicherten Passagen, dann steil mit Seilversicherungen und einer Aluleiter hinab in den Floitengrund und wieder hoch zur gemütlichen Greizer Hütte.
Mit 116 Höhenmetern pro Kilometer war das die steilste Etappe der Tour.

Tag 3: Greizer Hütte → Mayrhofen
33,9 km · +1.993 / −3.550 hm · 9:45 h unterwegs, davon knapp 8 Stunden reine Laufzeit
Für die lange Abschlussetappe, die wieder drei offizielle Wanderetappen umfasste, sind wir möglichst früh los. Tobi ist in seinem Tempo los, er wollte zu Kaffee und Kuchen in der Heimat sein.

Es ging über gefühlt endlose Geröllfelder und seilversicherte Scharten bis nach Mayrhofen. Erst hoch zur Lapenscharte auf 2.701 Meter, über Steinplatten und Murmeltierreviere, mit Blick ins Stilluptal. Dann die Elsenklamm: Drahtseile entlang eines schmalen Bands über die tief eingeschnittene Schlucht, die Schlüsselstelle des Tages. Weiter über die Kasseler Hütte und den langen Übergang zur Karl-von-Edel-Hütte. Dieser Abschnitt ist der Aschaffenburger Höhenweg, besser bekannt als Siebenschneidensteig. Dort haben wir sieben Grate überquert, auf 14 Kilometern gibt es weder Notabstiege noch Trinkwasser. Wir hatten Glück mit dem Wetter, bei Regen oder Schnee möchte man dort nicht wandern oder laufen müssen.

Nach der Karl-von-Edel-Hütte ging es endgültig ins Tal, von 2.701 auf 630 Meter.
In Mayrhofen dann die pragmatischste Entscheidung der ganzen Tour: Bus nach Finkenberg. Nicht aus Erschöpfung, sondern weil es sonst im Hotel aus zeitlichen Gründen kein Abendessen mehr gegeben hätte. 😉
Die Bilanz
- 90,1 km · +7.649 / −7.818 hm
- Höchster Punkt 3.134 m (Schönbichler Horn), tiefster 630 m
- Herzfrequenz im Schnitt über alle drei Tage: rund 113 bpm
- Rucksack 6–8 kg, zwei Hüttennächte
- Sieben offizielle Wanderetappen, zusammengelegt auf drei Tage
Warum ich nicht beim Z101 starten werde
Unser Zeitpunkt war kein Zufall. Eine Woche nach unserer Tour findet der Mayrhofen Ultraks statt, und die Königsdistanz Z101 verläuft in weiten Teilen genau auf dem Berliner Höhenweg: 101 Kilometer, 8.500 Höhenmeter. Ich habe mit dem Gedanken einer Teilnahme während der Tour gespielt und ich bin ziemlich sicher: Ich würde gut in der Cut Off Zeit durchkommen.
Nur: Eine Teilnahme hätte bei meinem derzeitigen Trainingstand und meinen technischen Laufskills wenig mit Spaß und Freude zu tun. Nach drei Tagen in diesem Gelände weiß ich ziemlich genau, wie sich der Siebenschneidensteig anfühlt. Bei Kilometer 85, nachts, nach einer durchlaufenen Nacht, mit meinen technischen Skills aus den Mittelgebirgen?
Als selbst organisierte Fastpacking-Tour mit Stephan war es allerdings genau richtig. Wir konnten uns die Etappen selbst einteilen, in Ruhe fotografieren, auf den Hütten ein Getränk nehmen, mit Tobi einen Tag zu dritt entspannt laufen und uns nebenher viel unterhalten. Kein Cut-off im Nacken, kein Ergebnis, das hinterher irgendwo in einer Liste steht. Dafür drei Tage, die ich lange vor meinem inneren Auge behalten werde.
Für Rennen suche ich mir weiterhin eher die laufbareren alpinen Ultras aus. Mit dem Swiss Alps100 habe ich nach meinem DNF ja noch eine Rechnung offen. 😉
Wer wirklich gute technische Laufskills mitbringt und in solchem Gelände zu Hause ist, dem taugt so ein Rennen natürlich super – wie zum Beispiel Tobi.

Fazit
Der Berliner Höhenweg in drei Tagen funktioniert, wenn Kondition, Wetter und Selbsteinschätzung gut zusammenpassen. Ein tolles Erlebnis, welches ich tatsächlich vielleicht mit meiner Familie noch einmal machen werde. Dann gegen den Uhrzeigersinn. Landschaftlich ist die Runde ein Traum über 2000 Meter: vom grünen Talboden über Almen und Blockgelände bis an die Grenze zur Gletscherzone, dazu tolle Hütten mit echter Geschichte.
Aber es ist eine alpine Tour, keine Laufrunde. Wer das akzeptiert und etwaige Erwartungen an eine Pace zu Hause lässt, bekommt sehr intensive und schöne Tage.
Hier geht es zu meiner Packliste und hier zum Test des verwendeten Rucksack Rab Veil XP 20.
Nächster Halt: HochRhön BergTrail am 13. September. Deutlich flacher. Deutlich laufbarer. Ich freue mich drauf.

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