Der Jahreswechsel ist für viele Läufer und Läuferinnen nicht nur die Zeit guter Vorsätze, sondern auf Social Media auch die Hochsaison der Ambassador / Influencer Programme.
Ob Dynafit Trailhero, ASICS FrontRunner, Brooks Running Collective oder Programme aus dem Nutrition Bereich: gefühlt sucht fast jede Marke nach neuen Gesichtern. Auf den ersten Blick wirken diese Angebote interessant. Die Laufzeit solcher Partnerschaften beträgt meist ein Jahr, versprochen wird ein attraktives und kostenloses Angebot. Doch was steckt wirklich dahinter? Und vor allen Dingen, lohnt sich der Aufwand?
Ich habe dieses Spiel selbst über mehrere Jahre mitgemacht und möchte einen nüchternen Blick hinter die Kulissen werfen.

Eigene Erfahrung: Schuhe, Nutrition und sehr viele Caps
Ich schreibe nicht nur aus der Beobachterrolle. Über mehrere Jahre war ich Teil des Altra Team Red und über längere Zeit Botschafter für Fractel Performance Headwear. Aktuell bin ich noch Ambassador für Tailwind Nutrition, habe meine Aktivität dort jedoch deutlich reduziert und werde mich nicht erneut bewerben. Auch auf andere Programme hatte ich mich in der Vergangenheit beworben, diese aber wegen der schlechten Konditionen abgelehnt.
Dadurch kenne ich die Vorteile dieser Programme: Nähe zur Marke, vergünstigtes oder kostenloses Material und das Gefühl, Teil einer Community zu sein.
Ego, Alter und der unvermeidliche „Zirkus“
Natürlich spielt auch das eigene Ego eine Rolle. Es fühlt sich gut an, sagen zu können: „Ich bin Ambassador für Marke XY“ oder „Ich habe ein Sponsoring von XY“. Das wirkt wie eine Bestätigung der eigenen sportlichen Ambitionen. Gleichzeitig muss man ehrlich zu sich selbst sein: Pflicht Postings, Hashtags und Markentreue können schnell einschränkend wirken und die Freude am eigentlichen Sport nehmen.
Lohnt es sich? Entscheidend ist meiner Meinung nach das Gesamtpaket. Dazu gehört ein genauer Blick auf die Verträge und Regeln: Darfst du andere Marken benutzen? Wie viele Posts pro Woche oder Monat sind verpflichtend?
Musst du ein Starter Kit kaufen, um überhaupt Teil des Teams zu werden (Stichwort Pay-to-Play), oder bekommst du dieses gestellt? Wie ist das Auswahlverfahren? Werden die ITRA Punkte, Platzierungen oder die Zahl der Follower abgefragt?

Natürlich spielt das Ego eine Rolle. Es fühlt sich gut an, sagen zu können: „Ich bin Ambassador für Marke XY“
Nicht blind bewerben: Drei zentrale Punkte
Wer aktuell überlegt, sich bei einem Ambassador Programm zu bewerben, sollte sich aus meiner Sicht drei Fragen sehr ehrlich beantworten:
Erstens: Authentizität
Bewirb dich nur bei Marken, die du bereits nutzt und hinter denen du wirklich stehst. Eine Schuhmarke zu bewerben, in der du bisher nie gelaufen bist, funktioniert nicht.
Zweitens: Verträglichkeit vor Werbung
Das gilt besonders für Sporternährung. Als Ambassador solltest du die Produkte im Training und im Wettkampf einsetzen. Wenn du sie nicht verträgst oder nur mit Mühe herunterbekommst, bringt dir auch der höchste Rabattcode nichts. Immerhin empfiehlst du diese Produkte auch an deine Follower.
Drittens: Das Kleingedruckte
Manche Verträge untersagen bereits das Zeigen von Konkurrenzprodukten auf Fotos. Die ehrliche Frage lautet dann: Bist du bereit, deine gesamte Ausrüstung auf eine Marke zu reduzieren? Für ein paar Shirts und vielleicht zwei, drei Paar Schuhe pro Jahr?
Pro und Contra von Ambassador Programmen
Ambassador Programme haben klare Vorteile. Dazu zählen der Zugang zu kostenlosem oder stark rabattiertem Equipment, der Austausch in einer Community und gelegentlich Startplätze für Rennen etc. Hinzu kommt der frühe Einblicke in neue Produkte vor dem offiziellen Launch und eine potenzielle Reichweitensteigerung durch Reposts der Marke.
Demgegenüber stehen jedoch ebenso klare Nachteile. Der Druck, regelmäßig Content zu liefern, kann schnell zur Belastung werden, besonders auch bei Verletzungen oder Trainingspausen. Viele Programme entpuppen sich als Kostenfalle, bei der man am Ende mehr Geld ausgibt, als geplant, um den Status zu halten. Zudem geht ein Teil der eigenen (sportlichen) Unabhängigkeit bezüglich der Auswahl verloren. Der Wechsel von Marken ist auch schwierig. Häufige Markenwechsel können durchaus die eigene Glaubwürdigkeit untergraben. Gerade in der doch recht kleinen Trailrunning Szene kann man sich auch schnell unglaubwürdig machen.
Fazit
Ambassador Programme können eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn die Marke, Werte und Rahmenbedingungen wirklich zu einem passen. Sie sind jedoch kein Selbstläufer und erst recht kein Geschenk. Wer sich bewirbt, sollte genau wissen, welche Erwartungen damit verbunden sind.
Langfristig sind Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und die eigene Freude am Sport aus meiner Sicht deutlich mehr wert als ein weiterer Rabattcode im Social Media Profil.
Wie siehst du das Thema? Bist du selbst Markenbotschafter oder eher genervt von jährlichen Ambassador Zirkus?

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